Reise nach Tschernobyl

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Conrad Neumann ist ein bekannter Fotograf in den sozialen Medien. Seine Fotos sind auf Facebook und Flickr sehr bekannt. Nach seinem Besuch in Prypjat und Tschernobyl hatten wir die Gelegenheit auf ein Interview mit ihm.

Achtung Strahlung! Ein Hinweis. Schnell den Blick auf den Geigerzähler. Foto: (C) Conrad Neumann

Freizeitfoto: Conrad, vielen Dank für das Interview. Was hat dich dazu bewogen, nach Prypjat zu fliegen?
Neumann: „Ich wohne im früher n Sowjet-Sektor (1984 geboren). Kaputte, zurückgelassene Häuser aller Art vom Wohnblock bis zu Industriegebäuden begleiten mich durch die ganze Kindheit bis Heute mit der Kamera. Viele Städte sehen in Prypjat gar nicht so unähnlich aus. Würde man sie 30 Jahre ohne Bewohner lassen, dann sähen sie wie Prypjat heute aus. Abgesehen von der Verstrahlung 1986 in Prypjat.“

Freizeitfoto.de: Wie hast du dich dieses Vorhaben vorbereitet?
Neumann: „Zu erst muss man sich der Sache absolut sicher sein. Das ist natürlich keine Pauschalreise aus dem Reisebüro. Es muss alles selbst geplant werden und man hat später keinerlei Hilfen. Dann geht es los.

A: Einen Tschernobyl-Expeditionsanbieter kontaktieren. Das ist über google.de möglich. Danach werden die Reisedaten ausgetauscht, die Namen der Teilnehmer, Datum, usw.

B: Den Weg in die Ukraine und zurück zeitig buchen. Wir hatten fast ein Jahr im Voraus gebucht. Wenige Wochen vorher ist auch möglich. Dies ist abhängig vom Anbieter der Expedition. Damit hat man genügend Zeit, um Daten mit dem Veranstalter austauschen zu können. Unserer Anbieter hat uns direkt vom Airport abgeholt und zum vorher abgesprochenen Hotel/Pension gebracht. Er hatte die Flugnummer und Landezeit sowie die Hoteladresse von uns erhalten.

Und ganz wichtig ist den Rückweg nach der Tour vom Treffpunkt zum Airport oder Bahnhof zu planen! Ein Taxi kann nur durch eine Einrichtung wie Hotels oder Bekanntschaft gerufen werden, die Metro und Busse konnten wir nicht lesen. Es war alles in ukrainisch geschrieben. Vielleicht können die Touranbieter die Gäste auch zurückbringen, wenn man es vorab mit denen klärt. Wir hatten in dem Fall Glück, das ein Taxi am Treffpunkt stand. Der Airport ist 30 min mit Auto weit weg.

C: Gepäck klein halten. Für uns war es vom Vorteil, weniger Gepäck zu haben. Darum haben wir u.a. Einweg-Regenschutz und zum Teil günstige Wäsche mitgehabt, die man im Zweifel bedenkenlos zurücklassen könnte. Zudem sinkt der Preis für Flugtickets extrem, wenn man „nur“ Rucksacktourist ist.

D: Screenshots von Google-Maps mit dem Bereich des Treffpunktes und Umgebung erstellen, bis der zoom die Einrichtungen anzeigt. In den Hotels hatten wir top WLAN-Zugänge. Draußen kann es je nach Anbieter schwer mit dem Empfang werden. Alternative Hotels oder Einrichtungen zu finden, wenn man kein mobiles Netz mehr hat, wird schwer. Und die Hotels sind auf Englisch auch wenig verbreitet.

E: Bargeld wechseln! Außer den Touranbieter akzeptiert niemand Euro. Mit 100-150 Euro kann man in der Ukraine schon viel machen.

F: Weiter haben wir uns auf die Strahlung und ihre Risiken durch viele Stunden Bild- und Videomaterial vorbereitet. Die Strahlung ändert sich und ist somit der größte Unterschied zu den „gewöhnlichen“ vergessenen Orten. Daraus resultiert auch unter anderem unsere Reisezeit.“

Das berühmte Denkmal der Stadt Prypjat. Foto: (C) Conrad Neumann

Freizeitfoto.de: Wie war deine Kameraausrüstung ausgestattet? Welche Objektive, Kameras, Reinigungszeug und wie viele Ersatz-Akkus hattet ihr bei?
Neumann: „Ich hatte meist mein 35mm dran. Damit habe ich viel Lost-Place-Fotografie gemacht und komme gut zurecht, wenn man schnell sein muss. Dazu noch einen kleinen Aufsteckblitz für Innenräume, da für viele Langzeitbelichtungen die Zeit nicht reichte. Ansonsten ist ein 24-70 Standard-Zoom ein gutes universell einsetzbares Glas. An der Kamera war immer ein mini Alu-Stativ (ca 20 cm) montiert.
Extras waren ein Akku, Kabel-Fernauslöser, Brillentücher für das Glas und Ladekabel mit Trafo für Hausstrom.“

Das Denkmal für die Feuerwehrmänner in Tschernobyl. Foto: (C) Conrad Neumann

Freizeitfoto.de: Wo habt ihr übernachtet?
Neumann: „Wir hatten eine 2-Tagestour. Anreise: Vorbestellte Pension nahe am Treffpunkt in Tschernobyl. Die Pension bei der gebuchten Tour inklusive. Rücktour: Airporthotel Broyspil direkt am Airport.“

Dieser Greifer war bei den Aufräumarbeiten dabei. Auch dieser hätte vergraben werden müssen. Noch heute ist die Strahlung gefährlich hoch. Foto: (C) Conrad Neumann

Freizeitfoto.de: Wieviele Besucher haben an der Tour teilgenommen?
Neumann: „Bei uns (2-Tage-Tour) waren es 6 Leute. Andere blieben mehre Tage oder nur einen. Danach wurden die Fahrgruppen zusammengestellt.“

Freizeitfoto.de: Habt ihr die anderen Teilnehmer gekannt?
Neumann: „Nein, die anderen vier Teilnehmer kamen aus Warschau, konnten gut Englisch. Wir hatten gut Spaß in der Gruppe.“

Freizeitfoto.de: Wie waren die Tour-Guides? Waren sie freundlich?
Neumann: „Ja sehr freundlich und dazu immer für eine Überraschung gut 🙂 Nach der Tour habe ich im social media kontakt aufgebaut.“

Reste von Propaganda-Material. Foto: (C) Conrad Neumann

Freizeitfoto.de: War es ein Tour-Guide oder gab es mehrere?
Neumann: „Für uns gab es einen Tour-Guide.“

Freizeitfoto.de: In welcher Sprache habt ihr mit dem Tour-Guide gesprochen?
Neumann: „Englisch.“

Freizeitfoto.de: Hat der Tour-Guide euch auf die Gefahren hingewiesen?
Neumann: „Ja, sie kennen die Gefahren. Sie kennen sehr sichere Wege durch die Zone. Dennoch bleibt immer ein Restrisiko oder man macht andere Sachen. Dann aber auf eigenes Risiko.“

Zu sehen ist der neue Sarkophag vom zerstörten Teil Tschernobyls. Foto: (C) Conrad Neumann

Freizeitfoto: Wie lang war Strecke am Tag allgemein?
Neumann: „Wir waren so lange unterwegs, wie Tageslicht war, um möglichst viele Bilder machen zu können.“

Freizeitfoto.de: Was habt ihr alles gesehen?
Neumann: „Am ersten Tag sahen wir abgelegene Siedlungen und ex-sowjetische Einrichtungen. Darunter die große Duga-3-Antenne und ihre Verwaltungsgebäude, dazu einige Denkmäler und Vergleichsbilder vor und nach der Explosion.
Am 2. Tag waren wir den ganzen Tag in der Stadt Prypjat. Da alle aus der Gruppe mit dem Tour-Guide abgesprochen hatten, hier mehr Zeit zu investieren. Das Kraftwerk selber war Grundplan, aber hier reichte uns ein „Beweisfoto“. Block 4 und der neue Sarg waren bereits durch das Fernsehen und das Internet recht bekannt. Noch weitere 1000 Bilder machen, ergab hier keinen Sinn für uns.“

Freizeitfoto.de: Reichte die Zeit, um die wichtigsten Spots zu fotografieren?
Neumann: „Wichtige Spots, ja. Aber alle Details zu fotografieren war unmöglich. Prypjat war eine Stadt mit 50.000 Einwohner! Zum Vergleich für go2know-Tourbesucher: Alleine die Jupiter-Fabrik enthält mehr Details als alle go2know-Touren zusammen, da man alles zurücklassen musste.“

Ein Tierschädel mitten in Prypjat. Foto: (C) Conrad Neumann

Freizeitfoto.de: Was würdet ihr für die Tour noch empfehlen?
Neumann: „Taschenlampe, Einweg-Regenschutz, metallfreie Kleidung (Knöpfe, Gürtelschnallen), weil es dann schneller am Check-in am Airport geht.“

Freizeitfoto.de: Benötigt man zur Einreise ein Visum, Reisepass, Personalausweis?
Neumann: „Aktuell nur einen Reisepass.“

Freizeitfoto.de: Was kostet die Tour?
Neumann: „Es ist abhängig von der Anzahl der Tage und des Anbieters. Für uns, mit zwei Tagen, waren es 280 Euro. Da ist eine Nacht in der Sperrzone inklusive. Dazu braucht man noch zwei Übernachtungen außerhalb der Sperrzone für den Tag der Ankunft vor der Tour und nach der Tour für den Abreisetag (für 2x, ca. 22-26Euro) pro Person. Das ist sehr günstig dort. Im Vergleich zu den Übernachtungen hier in Deutschland. Hinzu kommen noch die Flüge.“

Ein Stacheldrahtzaun umzäunt die ganze Stadt. Foto: (C) Conrad Neumann

Freizeitfoto.de: Gibt es eine Empfehlung von euch, zu welcher Jahreszeit man fahrend sollte?
Neumann: „Wir haben den November gewählt, weil
A: die Bäume und Sträucher schon kahl sind und man dadurch deutlich mehr Sicht hat. Im Sommer kann man in Prypjat kaum noch Bauten sehen, wenn alles grün ist
B: es noch nicht zu kalt ist. Wir erhofften minimal regnerisches graues Wetter. Das sorgt zum einen für original düstere Stimmung, in den späteren Bildern und der Regen hält zum anderen den Staub aus den Wäldern und Feldern niedrig. Der rote Wald ist in Kraftwerksnähe immer noch hoch radioaktiv und kann fatale Folgen haben!“

Wir bedanken uns bei Conrad Neumann für das Interview und wünschen für die Zukunft weiterhin in der Fotografie viel Erfolg. Folgen Sie ihm auf Facebook oder Flickr. Die Links folgen am Ende des Artikels.

 


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